Bilderklärung zu
„Einheit Urzeit-Gegenwart-Zukunft: handle fair“
Guasch auf Leinwand, 180 cm x 630 cm, Triptychon, 2002
Gegen allerlei innere und äußerliche Unbilden meines Seins habe ich das
1994 begonnene Bild „Einheit Urzeit-Gegenwart-Zukunft: handle fair“
nebst meiner Fürsorge um meine seit 1990 im jugendlichen Leben
krebserkrankten und im Oktober 1998 verstorbenen Frau, einer Musikerin –
und nebst der Fürsorge mit meinem Vater, Lehrer, und mit meiner Schwester,
Lehrerin, meiner seit 1995 wegen Schlaganfällen bettlägrigen und im Novem-
ber 2000 verstorbenen Mutter, einer Malerin und Hausfrau, – und 1996 auch
Tod meiner Großmutter –
am 26. Juni 2001 in seiner Komposition als Studie abschließen können.
Die Ausführung der endgültigen Fassung in einer Größe von 1,80 x 6,30
Meter bedurfte dann noch eineinhalb Jahre, indessen der potentielle Käufer,
der Luftschiffbauer CargoLifter, konkurs machte.
Diese Tatsache führte mich selbst nach dem zuvor Erlebten nahe an den
eigenen Konkurs. Doch schließlich kam ich gegen alle äußeren und damit
auch inneren Widerstände gegen an und vollendete das Bild in der
Silvesternacht 2002, eine halbe Stunde vor dem Beginn des Jahres 2003.
Wenn ich an einem Bild arbeite, kommt das einem Tiefseetauchgang gleich,
dabei ich für jeden Menschen verschwinde und ich nicht mehr weiß, ob ich
mir selbst jemals wieder begegne und ich es schaffe, lebendig aufzutauchen.
Meist tauche ich aus solch einem Arbeitsprozeß als ein anderer Mensch
hervor, den ich von neuem mühsam und ängstlich ergründe. Meine eigenen
Bilder dann in ihrer Qualität und Aussagekraft adäquat zu beurteilen, ist mir
somit unmöglich.
Das Gemälde sei wie ein Brief der Welt an uns Menschen zu “lesen”, in dem
von der Einheit der Wirkung von Mensch und Natur über allen Zeitepochen
der Menschheit hinweg geschrieben wird – der Zeitepoche der Urzeit, der
Gegenwart und der Zukunft:
Was den Menschen einst in seiner Epoche als Urmensch prägte und
welchen Respekt er damals der Natur gegenüber zu zollen hatte, sei heute
wie in Zukunft gültig.
Die Einheit alles Seins der Zeit und der Welt war und ist das
Schwerpunktthema meines Bildes.
So hatte ich dem gemalten Binnenfrachter rechts der Bildmitte als Namen die
Aufschrift EINHEIT gegeben, obwohl ich in Sorge der Konzentration der
Bedeutung des Begriffes bezüglich der Deutschen Einheit war, und bin.
Beiweitem sind nicht auf dem Photo der Studie all die Strukturen des Origi-
nals – und schon gar nicht die Abänderungen in der Endfassung – zu
erkennen und so zu empfinden, als betrachte man das Original selbst. Das
Photo vermag die hellen Lichtbereiche des Gemäldes nur unvollständig,
leicht überlichtet, wiedergeben. Jedoch für einen ersten Eindruck vom
Gesamtwerk, denke ich, reicht die Photoqualität aus.
Um die Naturgebote – und hier im Bild der Zwang der dem Mensche
vorgegebenen Physiologie seines Sehens –, denen, wie alles der Welt, auch
der Mensch unterlegen ist – weil der Mensch eben auch Natur ist –, im Bild
noch inniglicher zu verdeutlichen, ja, zur anschaulichen Wirkung zu bringen,
habe ich die Komposition in außergewöhnliche Bildfelder aufgeteilt, nach
einer Idee, die mir einst während des Zeichnens meiner nächsten Umgebung
– einem Bahnabteil im Dezember 1991, auf der Fahrt nach Berlin –
eingegeben wurde:
Beim Blick auf meine Umgebung disziplinierte ich mich, nicht den Kopf zu
schwenken, sondern allein mir zu erlauben, die Augen zu bewegen. Dabei
ergab sich das Phänomen, als Sichtbegrenzung meines Blickfelds die
Konturen meiner Augenhöhlen – also Augenbraun, Nase, Jochbein – zu
erkennen. Und so zeichnete ich damals in mein Skizzenbuch die vor mir zu
betrachtenden Gegenstände des Bahnabteils – und um diesen Anblick herum
linear die Konturen meiner Augenhöhlen.
Später interpretierte ich diese Sicht der Ränder der Augenhöhlen als eine Art
Selbstbetrachtung des Sehers bei allem, was er auch betrachtet, und folgerte
philosophisch, in allem, was man betrachtet und beurteilt, kritisch sich selbst,
seine Persönlichkeit mit einzubeziehen.
Die Augenhöhlenränder finden sich also auch in diesem Bild wieder und
geben dem Bild drei Sichtfelder – wenn, ja wenn der Betrachter derart vor
dem Bild vor der Bildmitte steht und er seine eigenen Augenhöhlenränder
sieht, so, daß diese sich mit denen im Bild angedeuteten Augenhöhlenränder
überlagern.
Die besondere Art, die BildFELDER „Gegenwart“ und „Zukunft“ zu betrachten,
erfordert bei der angelegten Bildbreite der Studie von 3,15 Meter einen für
das Auge ungünstigen dichten Abstand von nur circa 20 Zentimeter.
Günstig ist die doppelte Bildbreite von 6,30 Meter und damit ein doppelt so
großer, circa 40 zentimetriger Abstand des Betrachters von der Bildmitte.
Dies war alleiniger Grund für mich, das Bild so groß zu malen.
In der Mitte des Bildes können dann beide Augen des Betrachters das
Bildfeld der Zukunft sehen. Der Zukunft, die zu einem Teil – und in diesem
Teil ganz besonders – in der Verantwortung, der Einwirkung des Menschen
liegt und steht – oder fällt und untergeht.
Beidseitig des Mittelfeldes können bei starr gehaltenem Kopf jeweils nur ein
Auge die Felder betrachten: das linke Auge die linke Bildseite, das rechte
Auge die rechte Bildseite. Diese beiden Bildfelder sollen die Gegenwart
veranschaulichen.
In den äußersten Bezirken zu beiden Bildseiten hin zeigt sich die
Urgeschichte des Menschen, die aber nur zu deuten ist, tritt der Betrachter
aus seiner zuvor dicht am Bild eingenommenen Position zurück.
Ebenso – bei größerem Abstand – und sinnbildlich bei größerem Abstand von
sich selbst – zeigt sich dann dem Betrachter der obere, überwiegende
dunkelbraune Bildrand, der über die ganze Bildbreite die menschliche Stirn
verbildlicht und den Fluß des genetischen Erbmaterials, der Gedanken über
die Zeitepochen hinweg und hindurch symbolisiert.
Dieses aufgezeigt durch kleine graue Menschchen, die von den Seiten, von
der Urzeit her über die Gegenwart zur oberen Bildmitte wandern – als “Geh-
danken” –, wo ich als Ort des alles speichernden Geschehens das
menschliche Gehirn – als “Geh-hirn” – veranschaulichte – “ver-Anschaulichte”
–, das doch bitte alles zum Wohle der Welt überdenken sollte, was es an
zukünftigen Taten “errechnet”.
In den Pupillen – „pupilla“, lateinisch „Püppchen“, weil der Mensch sich in
ihnen, steht er einem Augenpaar gegenüber, als Spiegelbild betrachten kann
– malte ich den Menschen als Püppchen, denn selbst im Blickkontakt vermag
der Mensch sich selbst betrachten.
In der unteren Bildmitte, sozusagen jenseits der den Betrachter nach unten
den Blick begrenzenden Jochbeine – und damit leider allzuoft aus dem Blick,
aus dem Sinn –, sei das aufkeimende Leben und seine und des Lebens
grundsätzliche Ernährung gezeigt, in zwei ortsgleichen und doch
verschiedenen Bildern:
Landschaftlich zeigen sich wogende Kornfelder: Eines ganz vorne mit jeweils
einem Vogel über seinen zwei Hügeln. Eines dahinter, mit einem See inmitten.
Menschlich anatomisch zeigen die Konturen dieser Landschaft die mögliche
Sicht einer Frau über ihre Brüste auf ihren embryoBERGenden Bauch.
Was für den Embryo/Säugling das Fruchtwasser, die Mutter, die Milch sind,
sind für die Menschheit das Wasser, die wogenden Felder, das Korn.
Die Fruchtblase, der See, symbolisieren das für alles Leben notwendige
(saubere) Wasser.
Der Ruderer ist Symbol für Bewegung und Verlockung des Menschen nach
Erkundigung neuer Räume – physischen wie psychischen Räumen.
Doch weist der Ruderer auch auf eine gewisse Selbstskepsis hin, die man
sich bei seinem etwaigen Streben auferlegen sollte, auch wenn der Weg
selbst das Ziel ist, auf dem man längst wandelt:
bisweilen in Fahrtrichtung zu schauen, prüfen, wohin die Fahrt geht, ob die
Richtung stimmt.
Und ob das, was man am Ende der Fahrt, des Weges erreichen will, mit
jedem Ruderschlag, um den man glaubens seinem Wunsch näher kommt,
nicht um einen Ruderschlag sich entfernt, bzw. man dem visionären Ziel
immer auf gleichem Abstand bleibt, so wie dem Horizont des Meeres. Dem
einen Menschen sei ein Ziel das Resümee seines Weges, dem anderen
Menschen der Eintritt in ersehnte, bisdahin unerreichte Räume oder
Möglichkeiten.
Oft ist sinnbildlich der Horizont des Meeres das Ziel der menschlichen
Wünsche, der den Menschen mit allerlei schönen Tagträumen anlockt und
doch unerreichbar bleibt.
Nicht selten versucht ein Mensch, wie vielleicht ich selbst, sein ganzes Leben
lang den „Horizont“ zu erreichen, bis er am Ende seines Lebens enttäuscht –
das heißt: getäuscht – und traurig stirbt, im endgültigen Bewußtsein, sein
sehnsuchtsvolles Ziel seines Lebens nie erreicht zu haben.
Die Umsetzung der 3,15 Meter-Komposition in das 6,30 Meter-Format wollte
ich erst angehen, wenn dafür die passenden Räumlichkeiten gefunden sind -
passend für die Bildgröße, aber auch und insbesondere „passend“ in Hinsicht
eines Publikums.
Aber welches Publikum ist nicht „passend“, d. h., ist nicht empfänglich für
Bilder?
Zeichnungen und Gemälde sind nebst Geschmacks-, Geruchsstoffe und dem
Schall die ältesten, seit Jahrtausenden vertrauten, indirekten
Informationsübermittlungen der Menschen, ob anfänglich Strichzeichnung in
den Boden oder (Höhlen)Malerei an den Wänden – ideal, da die
gegenständliche Umgebung dem Sehenden bei Lichte als allererstes –
zumeist – als Bild erscheint. Erst dann – zumeist –, wenn der Mensch den
Dingen sich nähert, kann er sie über Geruchs-, Tast-, Geschmacks- und
Gefühlssinn wahrnehmen.
Der Mensch und seine Vorfahren sind also seit Urzeiten, seit dem es die
Mutation zum Sehorgan Auge gibt, auf das Interpretieren von Bildern trainiert.
Mit dem Luftschiffbauer CargoLifter in Brandenburg schien die optimale
Umgebung für das Bild gefunden worden zu sein. Schien!
Der Luftschiffbauer war kein AußenBild, dem ich folgte, sondern es war allein
eine Imagination, ein WahnBild, welchem ich mich anvertraute. Dabei sei der
Welt solch ein „Luftschloß“ zu wünschen – es fehlten nur noch die „Steine“
als Fundament. Schade.
Und traurig für mich.
Andreas Klatt
Freitag, 24. Januar 2003