Als Andreas Klatt wurde ich am 11. März 1958 in Berlin-
Wilmersdorf geboren und wuchs mit meinen Eltern und meiner
fünf Jahre älteren Schwester in Berlin-Charlottenburg am Rande
eines größeren Waldgebietes, des Tegeler Forstes, nahe der
Fluß- und Seenlandschaft der Havel, auf. Die Großstadt Berlin mit
seiner lauten und hastigen Betriebsamkeit berührte mich selten.
Ich fühlte mich zum Leben in Wald und in Wasser hingezogen,
mit seinen speziellen Wesen. Und zu Menschen, die ähnlich
fühlten.
 
Das Malen meiner Mutter faszinierte mich.
Sie gab mir als Malerin in meiner Kindheit und Jugend die Ein-
Bildung und Aus-Bildung zum Malen. Dazu studierte ich in den
zahlreichen Gemäldegalerien Berlins die alten und die neuen
Meister.
 
In der Jugend, angeregt durch meinen Vater, begann ich neben
dem Besuch des Gymnasiums intensiv zu photo-graphieren, bis
hin zu öffentlichen Diavorträgen und der Mitgestaltung eines
Buches über den Hardanger Vidda in Norwegen. Ich malte nicht
mehr mit dem Pinsel. Die Malerei gestaltete sich direkt mittels des
Lichtes auf dem Bildträger, dem Film. Für mich als Jugendlicher,
der mit der Malerei groß geworden ist, ersteinmal faszinierender
als die gewohnte Technik mit Pinsel und Farbe.
 
Meine Touren in die Welt, in Berge – also in Höhlen –, in Wasser
(„unter“ Wasser?), in Eis und Schnee, lockten mich von Mal zu
Mal mehr, auch Touren in meine innere Welt, in mein
Sein und in das Sein anderen Wesen, zu machen. Aber wie
konnte ich das mittels Photo-Graphie abbilden? Also wuchs
wieder mehr die Zuneigung zur Malerei.
 
Weil mich der Mensch als Individuum und als Gesellschaftswesen
sehr interesssierte, und um die Anatomie und die Physiologie
meines Körpers kennen zu lernen und besser zu verstehen,
dessen ich auf meinen Reisen und bei der Malerei dringend
bedurfte, begann ich mit einer Ausbildung zum Physiotherapeuten
in Berlin.
 
Aber nach dieser Ausbildung nahm mir die Berliner Mauer, wie um
den Brustkorb ein Eisenring, die Luft zum Leben. Ich verließ 1981
Berlin, ließ die traurigen Eltern zurück, zog nach Freiburg im
Breisgau. Und zog nach Zürich. Für ein Jahr wurde ich
Lehrbeauftragter zur Ausbildung von Physiotherapeuten. 1984
landete ich in Lübeck an der Ostsee.
 
Nach einer ersten Ehe bis 1988 mit einer Jugendfreundschaft,
aus der sich mein geliebter Sohn Adrian 1986 hervortat, begann
ich intensiv wieder mit der Malerei durch die Bekanntschaft mit
der Musikerin und Malerin Maike Voss 1989 – und alsbald
verschmolzen Maike und ich zu einer großen Liebe und
heirateten.
 
Straßenausstellungen in Berlin folgten, insbesondere am
Brandenburger Tor auf dem Pariser Platz, alljährlich zum
Jahrestag des Falls der Berliner Mauer.
 
Doch schon 1991 erkrankte Maike an Unterleibskrebs und es
begann für sie, und auch mich, ein langer Leidenskampf, dabei
Maike dennoch weiter Musik unterrichtete und malte.
Indess erlitt 1995 meine Mutter, 1924 in Berlin geboren, mehrere
Schlaganfälle, die sie total in Armen und Beinen lähmten.
Mehrere Stunden täglich betreute ich meine Mutter nebst der
Zuwendung zu Maike.
 
Nur noch ausnahmsweise fuhr ich nach Berlin, meine Bilder
ausstellen.
 
Meine Ausbildung zum Physiotherapeuten kam direkt und indirekt
meiner Frau und mir psychisch und praktisch zu gute.
Für wenige Stunden wöchentlich behandelte ich und behandle ich
noch heute in einer Lübecker Klinik Patienten. Den Patienten
konnte ich mit meinen Erfahrungen gut helfen. Aber ich bekam
und bekomme von ihnen noch viel mehr Lebenshilfe zurück, als
ich ihnen gab. Diese Tätigkeit ist mir mindestens so wichtig
geworden, wie die Malerei selbst. Die Erfahrungen aus der
Therapie strahlen oft in die Bilder hinein. Und die Arbeit an den
Bildern vermag manch eine Therapie verstärkt zum Erfolg
bringen.
 
1996 verstarb mit 96 Jahren meine Großmutter, zu der ich auch
ein innigliches Verhältnis hatte, die mich mit zur Malerei brachte.
 
1998 verstarb Maike an der Krebserkrankung.
 
2000 verstarb meine Mutter nach sechsjähriger totaler Lähmung.
 
Mein Vater, 1917 in Ostpreußen geboren, erfreut sich zum Glück
weiterhin bester Gesundheit, ist rege und sportlich.
 
Während all dieser traurigen Erlebnisse war ich kaum des Malens
mächtig, ich brachte nur wenige Bilder zustande. Meine Kondition
war selten ausreichend für die alltäglichen nötigen Verrichtungen.
Infektionskrankheiten hatten mit mir ein leichtes Spiel. Das ich
einst Berge durch- und bestieg, in die Tiefe von Seen und Meere
tauchte, war kaum noch nachzuvollziehen.
 
Zögerlich, langsam begann ich erst wieder im Jahre 2001 mit der
Malerei. Erst mit einer Umsetzung einer direkt vor meiner
verstorbenen Mutter von ihrem verzerrten Gesicht gemachten
Zeichnung zu einem minuziös ausgearbeiteten großen Bild.
 
Nach der Zeichnung meiner toten Mutter setzte ich, auch noch
2001, die Arbeit am 1994 begonnenen Gemälde, „Einheit Urzeit-
Gegenwart-Zukunft: handle fair“, fort.
Ich vollbrachte dieses Werk von einem Ausmaß von 1,80 Meter x
6,30 Meter in der Silvesternacht 2002/2003. Es war für das
Luftschiffbau-Unternehmen CargoLifter, das daran Interesse
bekundete, bestimmt – doch dies Unternehmen ist schließlich
auch gestorben.
 
Ich war im Frühjahr 2003 ziemlich nahe am Rand der
Verzweiflung.
 
Erst nach Monaten mit dem Malen von „Schwarz-Weiß-Denken“
und von Walen, die ich einst als Metapher von Luftschiffen für
CargoLifter malen sollte, tauchte ich langsam in das Leben
zurück. Und erblühte mit Gemälden von Mohnblumen, um die
man mich gebeten hatte – ich selbst von mir überrascht, daß ich
soetwas malen mag.
Dazu der heiße Sommer 2003, den ich meist an und in der
Ostsee nackt verbrachte, selbst wie die Wale tauchteund und das
Spiel der Sonne genießend. Meine Gesundheit erblühte!
Vor kurzem noch durfte ich selbst bei warmen Wetter keinen
angenehm erfrischenden Lufthauch an mich heranlassen, sofort
wäre ich erkältet gewesen! Immer mußte ich dick angekleidet sein
und schwitzen, ein künstliches Fieber erzeugen!
 
Doch jetzt nackt am und im Meeer! Ein Lebensgenuß, nach all
diesen traurigen Jahren! Jetzt wollte ich ersteinmal Meeer, Meeer,
Meeer haben!
Nur wenn Zeit übrig blieb, malte ich, malte Wale, als tauchte ich
mit ihnen gemeinsam. Und malte roten Mohn.
 
Bis in den Oktober 2003 hinein genoß ich das Schwimmen in der
Weite des Meeeres. Und bin selbst gespannt, was für neue Bilder
aus dem innersten Meeehhhr der Erfahrungen durch meine
Augen und meiner Hand hervortauchen.
 
 
Mit einem herzlichen Gruß ! Andreas Klatt 3.Oktober 2003